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Botenläufer und Lagerschelm Flink Rosenkreuzer

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Tagebuch

Tag der Hl. Mathilde, dritter Fastensonntag im Lenzmonat Anno Domini 1454, In den Süden

Aufgezeichnet von einem Gefährten des Botenläufers und Lagerschelms Flink Rosenkreuzer. Einer Person, die niemals von seiner Seite weicht, des Lesens und Schreibens mächtig ist und die Gedanken und Erfahrungen des Mitglieds der Soldknechte schildert.

So, dass muss jetzt aber Süden sein, oder vielleicht doch nicht? Überall nur Wald, Bäume und Pflanzen … ob ich mich tatsächlich verirrt habe? Nein, nein, die Orientierung hat man erst verloren wenn man zugibt, dass man sie verloren hat. Irgendwann komme ich bestimmt wieder zu einer Stadt oder zu einem Ort, oder zu einer Strasse oder Weg, oder irgend etwas was mir bekannt vorkommt. Gut, dass mir der Schanzmeister Syml den Tipp gegeben hat immer nach Süden zu laufen. Wenn man sich verirrt, dann soll man ein Bein vor das andere setzen und einfach immer gen Süden marschieren, waren seine Worte im Morgengrauen.  

Jaja, seit dem Morgengrauen bin ich schon unterwegs. Kurz vor Sonnenaufgang verließ ich Clagenfurtz (oder wie der Ort heißt) und ließ die angetrunken Soldknechte hinter mir. „Flink, du schaffst es sicher nicht, von hier aus in einem Tag auf die Taggenbrunn und wieder zurück zu laufen“, posaunte unser Provost Wittowec mit einem breiten Grinsen am gestrigen Abend. „Unser Gaukler Frowin hat das nämlich geschafft!?“ „Na was der schafft, schaffe ich doch mit verbundenen Augen“, trällerte ich voller Vorfreude, endlich unseren Gaukler in einer Disziplin schlagen zu können. Frowin ist mir ja schon lange ein Dorn im Auge. Der glaubt wohl, dass er alles besser könnte als ich. Einmal wird der Tag schon kommen, an dem ich ihn besiege und ich glaube, die Zeit ist jetzt reif. Jeder weiß doch, dass ich schneller laufen kann als jeder andere. Flink, der „flotte Blitz“ hat man mich damals genannt, als ich, hmmm … wie hieß der Ort noch gleich, das Dörfchen mit L im…, na oder war es doch mit K … naja ist ja jetzt auch egal, das ist die Vergangenheit. „Die Wette steht“, gab ich zuversichtlich von mir und sprang bereits von einem Bein auf das andere um mich aufzuwärmen. Sofort versammelten sich die anwesenden Soldknechte um das Feuer und warfen Heller in Hemmls übergrossen Helm – „Die Wetteinsaetze bitte.“ Wenn es ums Wetten und Trinken geht, da sind meine Kameraden von den Soldknechten einfach nicht zu bremsen. Naja, eigentlich kennen sie beim Dreschen, Plündern und Brandschatzen auch kein Halt, aber ich bin mal gespannt, wer bei dieser Wette auf mich setzt: Jaja, dass hab ich mir gedacht: Syml und Gamaret setzten natürlich gegen mich. Unser Feldwaibel blickt mir noch grimmig in die Augen, wiegt seinen Heller in der Hand und wirft ihn Richtung Helm. Sein Blick bleibt dabei eiskalt auf mich gerichtet. Wenn Blicke töten könnten … Ich grinse ihn aber nur breit an und sage langsam: „Daneben.“ „Wos, wos, wos“, Gamaret blickt auf den Heller, der eine Elle neben Hemmls Helm liegt. Mein Grinsen sprengt beinahe meine Wangen und auch die übrigen Soldknechte können sich einen herzhaften Lacher nicht verkneifen. Vor allem unser Schanzmeister Syml bricht fast auseinander und deutet nach Luft schnappend auf den Feldwaibel: „Du Versager du! Also ich setzte meinen Heller auf den Flink. Der Botenläufer und ich haben schon so einiges miteinander erlebt und die Welt bereist, solange er sich nicht verirrt, ist er sicherlich schneller als Frowin!?“ Das ist der Schanzmeister den ich kenne. Mit ihm bin ich schon auf so vielen Plätzen dieser Welt gewesen, so wie an dem Ort am Meer, das ist in … ähhmm … is ja egal, aber wir waren auf jeden Fall auch schon in … no … wie heißt die große Stadt in der wir uns verirrt haben … irgendwas mit M oder C …

Als Gamaret seinen Heller aufhebt und endlich im Helm versenkt, bemerke ich auch einen Grinser in seiner Visage. Auch er muss über seine Unfähigkeit lachen und zeigt Humor. Das ist der Feldwaibel, den ich zu schätzen gelernt habe und der hin und wieder sogar einen ähnlichen Humor wie ich besitzt. Leider ist der Hauptmann nicht am Lagerfeuer, der hätte sicherlich auch auf mich gesetzt. Er vertraut nämlich seinen Knechten. Dafür setzt unser Fähnrich Veit auf Frowin und legt sich dann gleich wieder zu den beiden Damen, die er heute zu Besuch hat, aufs Stroh. Im Gegenzug lassen unser Companie-Feldscher Maximilian – der gerade unseren Koch Michael verbindet, der sich beim letzten Kampf wieder einmal verletzt hat – und der Koch selbst, keinen Zweifel in mir aufkommen. Sie glauben an mich und werfen einen Heller ihres Soldes in den zerbeulten, rostigen Helm. Fiona und Felicitas halten nichts vom Wetten. Beide Cantinjeren blicken nur kurz auf und vertiefen sich dann wieder in ihre Schneiderei. Es sind noch so einige Hosen zu nähen.

Jaja, ich bin bereit, ich kann es kaum mehr erwarten. Noch einmal ziehe ich meine Hose hinauf, aufgewärmt bin ich, beide Schuhe habe ich an, brauch ich sonst noch was? „Na dann lauf’ endlich los, .. hicks“, grölt Hemml stockbesoffen im Morgengrauen. Er musste im Auftrag des Hauptmanns die ganze Nacht über irgendwelche Bier- oder Weinfässer verkosten. „Auf nimmer Wiedersehen“, jault Gamaret auf, der mit zunehmender Stunde und Alkoholkonsum immer glücklicher wurde. „Wenn du dich verirrst, dann setze ein Bein vor das andere und marschiere einfach immer gen Süden“, brüllt Syml mit seinem lauten Organ mir nach. Jetzt kann ich ihm für diesen Rat gar nicht genug danken. Ich werfe noch einen letzten Blick zu ihm zurück, doch er ist gerade mit voller Wucht von der Bierbank gekippt und hinter dem Tisch verschwunden. Auch der Schanzmeister hatte sich wieder einmal „weggesprengt“.  

Jaja, dass muss Süden sein. Wie ging der Spruch mit den Himmelsrichtungen noch gleich: Nicht Ohne Sonne Wandern … oder war es Nie Ohne Seife Wandern? Auf jeden Fall beginnt es mit N und N steht für Norden. Und jeder weiß doch, dass Norden immer oben ist. „Auf jeder Karte ist Norden oben“, hat der Hauptmann einmal gesagt. Ich merke mir nämlich die Dinge die unser Hauptmann sagt. Bin ja nicht umsonst der Botenläufer der Truppe. Ich blicke zum Himmel: das ist also Norden. Endlich habe ich es kapiert. Da ich jetzt bergab laufe, bedeutet das, dass ich gen Süden laufe. Es ist doch so einfach. Ich Dummkopf komme erst jetzt drauf, wie einfach die Welt aufgebaut ist. Den ganzen Tag habe ich mir den Kopf zerbrochen über alle möglichen Probleme: Ist die Welt eine Scheibe oder ein Viereck? Warum wächst man als Kind mehr als als Erwachsener? Warum gibt es fliegende Fische, aber keine fliegenden Menschen? Antworten auf diese Fragen erhält man einfach nur bei einem Waldlauf wie diesen hier. Ich kann es kaum mehr erwarten den restlichen Soldknechten zu erzählen, auf was ich alles draufgekommen bin. Die werden vielleicht Augen machen. Zum Beispiel: Es ist ganz klar, dass man als Kind mehr wächst als als Erwachsener, weil man ja sonst nicht viel zu tun hat. Ein Erwachsener, so wie ich es bin, muss sich um so viele Probleme kümmern, da bleibt kaum mehr Zeit zum größer werden. Ein Beweis dafür sind die alten Greise, bei denen haben die Probleme sogar schon Überhand genommen. Sie machen sich so viele Sorgen, dass sie vielleicht bald sterben werden und so, dass die alten Leute dann sogar wieder kleiner werden. ‚Schrumpfen’ heißt das.“  

Es wurde Nacht und es wurde wieder Tag, doch der junge Botenläufer Flink Rosenkreuzer hatte die Taggenbrunn noch immer nicht erreicht. Seine Füsse trugen ihn immer weiter nach Süden. Aufgeben und stehenbleiben kannte der zielstrebige Lagerschelm nicht. Auf seiner Reise löste er noch so zahlreiche weitere Probleme und Fragen, die ihn schon lange beschäftigten, bis er schließlich das Ende der Welt erreichte: Tasmanien! Dorthin hatte er sich verirrt und erst dort entschloss er sich eine Pause zu machen. Doch ob er von dort auch wieder zurück zu den Soldknechten finden wird, dass wird erst die Zukunft weisen.

Tag vor dem Pfingstsonntag im Wonnemonat Anno Domini 1454,Im Süden

Na heilige Ochsenherde, der hätte mich ja fast überfahren! Die Leute hier in Tasmanien sind alle nicht ganz klar im Kopf. Mit ihren Kutschen düsen sie immer auf der falschen Seite der Straße. “He du windischa Teifl”, ruf ich ihm nach, doch irgendwie kommt es mir vor, als hätte er mich nicht verstanden. Oder vielleicht ignoriert er mich?! So was Unfreundliches ist mir ja noch nie untergekommen! “Ah host du vielleicht a Ohnung wo I mi hinhaun kennt zum Schlaf’n”, frage ich einen Passanten mit einem äußerst seltsamen braunen Schlapphut. Die Mode hier ist wohl noch aus dem Altertum. Der beginnt jetzt so richtig los zu legen und redet auf mich ein. Freundlich grinsend und jedes zweite Wort scheint “Mait” oder “Mate” oder so zu sein. “A konnst du nix kärntnerisch red’n, du olte Saufbirn’”, frage ich ihn höflich und im besten Kärntner Dialekt. Er hebt die Schultern, schüttelt den Kopf und zerrt mich mit sich mit. – So hatte alles angefangen im Land am anderen Ende der Welt.

Nach dem elften Bier sprach der Typ, der sich Kwan nennt, plötzlich dieselbe Sprache wie ich! Wir tranken zusammen mit zwanzig Mal meine zehn Finger vielen anderen Tasmaniern (=200) auf dem Gehöft, welches sich die “Jane Franklin Hallen” nennt. Hier wird Gaude wirklich groß geschrieben und es stellte sich heraus, dass sich Lagerschelme und Knechte aus allen Herren Ländern hierher verirrt hatten. Ländern von denen ich noch nie etwas gehört hatte. Einige von denen glauben sogar, dass die Erde eine Kugel ist! Vielleicht wollen die mich ja alle nur für dumm verkaufen, aber die Erde eine Kugel ist doch wirklich absurd?! Schade, dass Hemml oder Syml nicht da sind, die hätten denen sicher kräftig was erzählt. Erde eine Kugel?! Von wegen, jeder Berg und jeder Mensch würde doch sofort nach unten rutschen, denn jeder weiß doch, dass es auf der Oberfläche einer Kugel keinen flachen Punkt gibt! Naja, oder vielleicht meinen die Leute ja, dass wir in der Kugel drinnen leben. Das schon eher, aber meine Vierecks-Theorie ist immer noch die beste und hat bis jetzt jeder Kritik standgehalten.

Nach einigen Wochen konnte ich jede Person auch ohne Alkoholgenuss verstehen. Denen habe ich aber schnell das Kärntnerische beigebracht, dachte ich mir. Aber meine Vermutung ist ja, dass mir der Bulle geholfen hat. Der Bulle ist ein Trinkgerät, das man in Tasmanien verwendet, wenn alle gut gelaunt sind. Von einem großen Trichter gehen zwei oder vier Schläuche weg, an denen jeweils eine Person das Bier hinuntersaugt, welches oben in den Trichter hineingeschüttet wird. Wer als letzter fertig wird, bekommt den “Zorn des Bullen” zu spüren. Jedes Trinkritual dieser Art wird mit einem wilden Schlachtgesang begonnen.

Körperlich betätigen tut sich hier auch jeder. Das gefällt mir ja besonders gut. Sogar die Weiber machen bei körperbetonten Spielen und Reiberein mit. Weiber ja…, mit denen kann man mehr Spaß haben als in der Heimat. Die sind nicht gleich beleidigt, wenn man sie als “drei-Heller-Luder” bezeichnet oder wenn man sagt “flach wie ein Brett, aber gut zum Nageln”. Ein Gelehrter, der des Schreibens mächtig war, fertigte für mich sogar ein Schild für meine Zimmertüre an: “Keine von euch Weibern kann mehr die Erste sein, aber jede von euch hat die Möglichkeit die Nächste zu sein! – Flink Rosenkreuzer – keine Reservierungen.”

Na und die Tiere erst! Was es hier für seelenloses Gezücht gibt. Auf dem Lande springen Beuteltiere herum, im Wald treibt sich der Possum herum und im Wasser schwimmen Fische, die haben sogar einen Schnabel. Der Allmächtige hat diese Wesen wohl am siebten Tag erschaffen, als er geruht und geschlafen hat und schon sehr sehr müde war.

Die körperliche Betätigung hat mir aber am besten gefallen. Im Ringen holte ich mir den Titel, in dem ich einen 200 Stein schweren inzüchtigen Tasmanier Corey besiegte. Auf den Hausberg von Hobart (das größte Dorf in Tasmanien) hat es mich auch hinauf verschlagen. 30 Kilometer und unzählige Höhenmeter haben der Tasmanier Justin und ich hinter uns gebracht. Und wir haben uns nur einmal verlaufen! Auf der Spitze haben wir auch Schnee gesehen, von dem es hier in diesem Lande nur sehr wenig gibt. Wahrscheinlich deswegen, weil die Sonne hier näher ist, als in unserem Herzogtum. Man bekommt hier auch viel leichter einen Sonnenbrand.

Hin und wieder geht mir die Heimat schon ab. Vielleicht sollte ich doch einmal an Rückkehr denken? Doch die Frage ist, wie finde ich zurück? Welchen Weg soll ich einschlagen? Weiter runter gen Süden, oder den Berg hinauf nach Norden? Nach links oder vielleicht doch nach rechts? Darüber denke ich morgen nach, wenn ich ausgeschlafen bin. Dem flinken Flink wird schon was einfallen, wäre ja gelacht. Die übrigen Soldknechte würden mich ja alle auslachen. Allen voran der Schanzmeister und der Gamaret erst. Der Hauptmann wäre aber wohl stolz auf mich. Und ich könnte allen erzählen, dass ich in einem Land war, in dem Frowin nach nie gewesen ist. Ich hoffe ich schaffe es zurück, die blöden Kutschen, die alle auf der falschen Seite fahren, sind eine wirkliche Gefahr.

Fronleichnam im Brachmonat Anno Domini 1454, Der Weg in die Heimat

Nein, ich will die Kutsche nicht stehlen, ich will sie nur ausborgen! Ich bring’ sie ja wieder zurück – irgendwann einmal. 100 Silbertaler? Na sag’ einmal du spinnst doch, 100 Taler fürs ausborgen. 80 Taler? Hallo?! Ich bin Botenläufer und kein dukatenkackender Adeliger. Sag’n wir 50 Taler und ich bringe die Kutsche im nächsten Jahr wieder zurück. Was meinst du mit „Du kannst die Kutsche nicht ein Jahr lang ausborgen“? Wie soll ich denn wieder in mein Herzogtum nach Kärnten kommen, ohne eine Kutsche?! Wo Kärnten liegt? Du weißt nicht wo Kärnten liegt?!  Na jetzt fängst du aber gleich eine … wenn das der Hauptmann erfährt, dass einer von den nichtsnutzigen Tasmaniern nicht weiß wo Kärnten liegt. Burg Taggenbrunn, Clagenfurth, Friedrich II. (!), Kasnudl, …hat’s noch immer nicht gefunkt?! Also dein Löffel hat sicherlich ein Loch gehabt, als du die Weisheit damit gefressen hast.   

Hallo?! … Was zum … Jetzt hat der doch glatt die Türe vor meiner Nase zugeknallt. So eine Pappnase. Und ich weiß noch immer nicht wie ich nach Hause komme. Wenigstens gibt es hier auch Schnee. Vergangene Woche habe ich ihn gesehen. Zwar nicht so viel wie im Herzogtum, aber das ist immerhin schon ein Anfang. Nicht jedes Land kann mit soviel Eis, Schnee und Kälte gesegnet sein wie unser Herzogtum. Das Komische ist nur, in Tasmanien schneit’s im Sommer und am heißesten ist es im Winter. Hemml wüsste sicher eine Antwort drauf … wenn der ein paar Fässer intus hat, dann kennt er die Lösung auf jedes Problem. Ich vermute ja, es hat damit zu tun, dass ich so lange nach Süden gelaufen bin, als ich auf der Suche nach Taggenbrunn war. Syml hat doch gesagt, wenn du dich verläufst, setzte einfach einen Fuß vor den anderen und laufe immer der Sonne nach. Und jeder weiß doch, dass die Sonne immer im Süden ist. Also bin ich gelaufen und in Tasmanien herausgekommen. Damals… 

Moment! Vielleicht hilft Symls Rat ja erneut. Immer der Sonne nach, oder was hat er gesagt?! Zu blöd, dass ich nicht schreiben kann, sonst hätte ich mir das hinter die Ohren geschrieben. Aber wenn man schreiben kann, dann verwendet man sein Hirn nicht mehr, hat Gamaret einmal gesagt … also ist es vielleicht doch gut, dass ich des Schreibens nicht mächtig bin. Werde mal verifizieren, ob das mit der Sonne klar geht. “Hey du mate, a hast du an Tau, ob I, wenn I imma da Sun nachlaof, ob I dan in Kärnten aussa kum?!” Was meint dieser Känguruh-fressende Tasmanier mit ‘Das hängt davon ab …’? “Hey du mate, I hab di wos anfoches gfragt – jo oda na?” Er glaubt schon. Na also, geht doch. “Und di Sun is die meiste Zeit im….’Norden’…Wos Norden? I hahn gedacht, di Hund is imma im Suedn?!” Aber er scheint sich sicher zu sein und erklärt, dass die Sonne im Osten aufgeht, dann nach Norden wandert und im Westen untergeht.  

Dann hätten wir doch alles geklärt. Ein weiteres Stück kam meinem Mosaik des Wissens hinzu: es ist klar, dass ich nach Norden rennen muss, weil Kärnten ja in den Bergen liegt. Und der Hauptmann hat einmal gesagt, und ich Flink erinnere mich natürlich daran, dass Norden immer oben ist, oder so in etwa. Das heißt: bergauf ist Norden, bergab ist Süden – es passt einfach alles zusammen. Aber dass heißt auch, dass es recht anstrengend wird, den ganzen Weg hinauf zu laufen … aber ich bin der Botenläufer der Soldknechte Compania Carantania und es wäre doch gelacht, wenn ich diese Hürde nicht im Eiltempo und ohne Pause nehmen könnte. Also, los geht’s … wo war gleich nochmal Norden … oder muss ich nach Süden….hadifix nochamol, warum muss es auch so viele Himmelsrichtungen geben?!

Tag des Hl. Rudolf im Heumonat Anno Domini 1454, Straßenkunstfestival in Villach, Die Heimkehr

Ist denn Tasmanien tatsächlich so weit vom Herzogtum Kärnten entfernt?! Nun laufe ich schon seid Wochen und habe noch immer kein Dorf erspäht, das mir auch nur irgendwie bekannt vorkäme. Aber Gott sei Dank habe ich diese Stadt im Irakischen hinter mir gelassen, dort wollte mich jeder kontrollieren und begrabschen. Es kann halt nicht überall so schön sein wie in der Heimat, die man erst vermisst, wenn man sich nicht mehr hat.  

Apropos Heimat – dieses Nest kenne ich doch! Es riecht ein wenig abgestanden und die Leute zählen auch nicht unbedingt zu den Schönsten und Cleversten. Das ist doch das Dörfchen, das wir Clagenfurther immer wieder gegen den ungläubigen Feind aus dem Süden beschützen müssen. Beim Barte unseres Hauptmanns, es ist Villach!   

Aber warum sind denn da so viele Leute auf den Straßen? Ist etwa ein Clagenfurther zu Besuch?! Wer bläst denn da so lautstark in ein Horn? „Links, links, links, rechts, links…“ Moment, die Farben dieser Compania kenne ich doch. Ich habe die gleichen auf meinem Armband… „Halt!“, ertönt die Stimme des Hauptmanns Ulrich von Grafenecker. Mit einem durchlöchernden Blick mustert er mich. Ebenso Syml und Hemml, die wieder (oder noch immer) ein wenig nach Alkohol riechen. „Es ist ich“, brülle ich voller Entzückung, dass ich endlich wieder im Carantanischen gelandet bin und meine Mannen der Compania Carantania wieder gefunden habe. Doch erst als sie mein Armband erblicken, fällt es ihnen wie Schilder von den Augen. Meine Haare zerzaust, mein Bart gewachsen … jaja ein gestandener Mann ist aus mir geworden. „Flink ist zurück!“, geht es durch die Reihen der Soldknechte. Der Hauptmann mustert mich mit strengem Blick. „Wo ist denn deine Waffe, Botenläufer!“ „Ehmm…tja…das war so…ehm…die Waffe…die, die habe ich im Irak abgeben müssen!“ „Irak, hm“, zufrieden wendet sich der Hauptmann ab.  

Hemml erklärt daraufhin, dass ich unbedingt beim Straßenkunstfestival in Villach gebraucht werde. Die Companie braucht mich für einen Auftritt der Soldknechte, damit wir den Villacher Adlern zeigen, was eine gute „Feldwaibel“-Attacke ist. Auf dem Weg zum Rathausplatz begutachte ich die neuen Mitglieder unserer Truppe. Frowin kenne ich ja (leider) bereits, er unterhält sich gerade mit einem Südländer, der sich Abdul nennt. Jaja, ein ganz geschickter Bursche, dieser Abdul, aber eben nicht in der gleichen Liga mit mir.  

Dieser neue Hellebardier Theodor Krautmann von Fridhoff sieht mir auch wie ein Südländer aus. Ganz koscher ist dieser junge Mann sicherlich nicht, bei der Hautfarbe. Aber wenigstens scheint er laufen zu können. Und da ist noch ein neues Gesicht, ein junge Hüpfer, dafür recht groß gewachsen. Alle nennen ihn „Valti“, so ein komischer Name, wahrscheinlich ist der auch nicht ganz koscher, aber wenigstens kann er mit dem Schwert umgehen. Der nächste scheint ein ganz lauter Bursche zu sein. „Wenn du mir noch einmal mit deinem Horn ins Ohr bläst, dann schiebe ich dir dein Horn…“, erkläre ich ihm auf dem Weg zum Rathaus. Irgendwoher kommt mir seine Fratze allerdings bekannt vor. Wenigstens hat er eine laute Stimme. Schließlich haben wir noch einen neuen Spieler. Ein äußerst dubioser Junge, dem ich sicherlich nicht über den Weg traue – koscher ist der sicherlich nicht! 

Vor gut 10 mal 100 Zuschauern am Villacher Rathausplatz verliefen unsere Feuershow und unser Schwertkampfspektakel ausgezeichnet. Artisten aus allen Herren Ländern kamen zu diesem Straßenfestival. Ich war ganz überrascht, dass sogar einige Australier unter den Gauklern zu finden waren. Ob die wohl einen schnelleren Weg ins Herzogtum gefunden haben? Obwohl, keiner ist schneller als Flink Rosenkreuzer von der Compania Carantania!  

Auf jeden Fall bin ich froh, dass ich wieder im Carantanischen verweile, auch wenn ich meine Freunde in Tasmanien doch sehr vermisse. Soldknechte Hurra!

Tag des Hl. Ignatius im Erntemonat Anno Domini 1454, Spectaculum zu Friesacum

Da bin ich gerade erst ins Carantanische zurückgekehrt und schon geht es wild zur Sache. Der Hauptmann und viele weitere Soldknechte dachten an eine Invasion in Friesach mit Machtübernahme der Compania Carantania. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt, oder irgendwie so geht der Spruch, den mich einst unser Provost Hemml gelehrt hatte.  

Einem spärlichen Trupp von nur fünf Knechten gelang es sich bis nach Friesach durchzuschlagen: Rosemarie von der Schneiderthaalerheide, Companie-Koch Tregenreuter, Schanzmeister Syml, unser Hauptmann Ulrich und meine Wenigkeit. Der Rest wurde auf dem gefährlichen, von Hinterhalten wimmelnden Weg aufgerieben. Doch uns gelang es ohne große Probleme in die Burg hineinzuschleichen, vorbei an den grimmig (und ein wenig dümmlich) dreinschauenden Torwachen.  

Unsere Verwunderung war groß, als wir alte Bekannte innerhalb der Stadtmauern trafen. Der wilde Haufen aus den nördlichen Gefilden – Turba Ferox befand sich in der Stadt. Nein, nicht um sie einzunehmen, sondern um sie zu verteidigen! Nach einer Lagebesprechung unseres Hauptmanns mit Ferox-Koch „Sitting“ wurde unser ganzer Invasionsplan über den Haufen geworfen. „Knechte, wir werden unseren Kärntner Kollegen aus Friesach und Turba Ferox helfen die Stadt Friesach gegen den Feind zu verteidigen!“, erschallte es aus dem Munde unseres Hauptmanns. Uns allen fiel das Kinn bis auf die Brust, doch als wir sahen, dass so einige Säckchen mit Gold den Besitzer wechselten, machte sich ein herzhaftes Grinsen auf unseren Gesichtern breit. Es sollte ein schöner Abend werden. 

„Compania – Carantania!!“ brüllten wir wie gewohnt, als wir zum Gegenschlag ausholten. Ein Räuberhaufen aus dem Umland und zahlreiche abtrünnige Friesacher Recken versuchten doch tatsächlich die Stadt zu stürmen. Besonders viele Angreifer waren es ja nicht, doch auch die Zahl der Verteidiger war alles anders als überwältigend. Mit der Compania als Geheimwaffe, konnte wenigstens am Schlachtfeld ein zahlenmäßiger Ausgleich hergestellt werden. Doch die Kampferfahrung unserer rot-schwarzen Friesacher Kollegen ließ alles andere als zu wünschen übrig. Dafür ließen Turba Ferox und wir es so richtig krachen. Nachdem die Friesacher Bogenschützen ein Floß in Brand gesetzt hatten, mit dem der Feind über den Burggraben setzen wollte, versuchte das angreifende Pack mit roher, nicht sehr taktischer Gewalt die Stadt einzunehmen.  

Sturmleitern wurden von der Stadtmauer gestoßen und unzählige Angreifer stürzten in die Tiefe. „Sitting“ leistete ganze Arbeit und vermöbelte mit seiner altbewährten Bratpfanne die heraufkletternden Feinde. Doch das Friesacher Holz scheint nicht so solide und stark zu sein, wie das aus Clagenfurth, und so gelang des dem Angreifer das Stadttor einzurammen – Räuber und Abtrünnige waren nun in die Stadt eingedrungen und es kam zur Entscheidung innerhalb der Mauern.  

Schulter an Schulter versuchten wir verzweifelt den Feind zurückzudrängen. Der Allmächtige weiß, wie es ausgegangen wäre, wenn nicht das „Horn von Clagenfurth“ ertönt wäre – ein tiefer, markerschütternder Ton, der mich seit Villach verfolgte. Dies konnte nur eines bedeuten: Verstärkung war im Anmarsch – Soldknecht Severin Fronauer hatte es doch noch geschafft sich nach Friesach durchzuschlagen. Ein Glitzern, wie es eigentlich bei einem geübten Recken nicht sein sollte, war in seinen Augen zu erkennen. Dieses bekannte Glitzern schien sich auch auf Tregenreuter zu übertragen, der ebenfalls dem Feind ohne Rücksicht auf Verluste gegenübertrat.  

In der Zwischenzeit gelang es dem Hauptmann, Syml und mir ein taktisches Übergewicht zu schaffen – wir wussten, dass sich der Feind nicht lange in der Stadt halten konnte. Mit ein wenig Verständnis des Kriegswesens hätte er gleich nach dem Einmarsch von Severin das Banner gestrichen. So trieben wir ihn Schritt für Schritt mit nicht vielen Verlusten auf unserer Seite zurück. „Seht doch dort, seht da, auf den Burgzinnen“, erklang es aus zahlreichen Kehlen, als unser Sieg schon in der Tasche war. Tregenreuter duellierte sich wieder einmal mit einem angreifenden Recken auf den Burgzinnen. Aus Geschichten, die man sich im ganzen Herzogtum erzählte, wusste ich, dass unser wackerer Companie-Koch bereits einmal von der sechs Meter hohen Stadtmauer in den etwas über einen Schritt tiefen Burggraben gestürzt war.  

Habe ich gerade einmal gesagt? Nun, zweimal wollte ich sagen, denn Tregenreuter verlor nach einem gezielten Schlag seines Gegners erneut das Gleichgewicht und stürzte mit einem Bauchfleck in das kühle und schlammige Wasser. Unser Companie-Koch überlebte, die Stadt wurde verteidigt und der Sieg war unser – was will das Herz eines Soldknechts mehr?! Richtig – Bier. So freuten wir uns alle auf einen schönen Ausklang des Abends, doch wir wurden bitter enttäuscht. Unsere Schneiderin Rosemarie hatte unseren gesamten Sold, bis auf wenige Pfennige ausgegeben. Hungrig, aber doch glücklich nach einer erfolgreichen Schlacht machten wir uns schließlich auf den Heimweg. 

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