Tag des Hl. Saturninus im Wintermonat Anno Domini 1453
Noch vor Sonnenaufgang fand ich mich am alten herzöglichen Turney-Platz zu Karnburg ein, auf dass ich mit meinen Schwertexercitia und Körperertüchtigungen nach spartanischem Ritus bis zur Morgenmesse im Dome zu Maria Saal fertig sein konnte. Mit den ersten Sonnenstrahlen begann ich meine Exercitia mit dem Schwerte zu anderthalb Hand. Es schien mir, als flöge die Klinge wie von selbstens durch die Lüfte. Mit geschlossenen Augen zelebrierte ich den Schwertgang nach Jerusalem und stellte mir in Gedanken vor, wie mein treues Schwert durch die Leiber der Ungläubigen glitt und einen nach dem Anderen zur Hölle schickte. Ich ward so vertieft in mein Streben jede Bewegung in absoluter Perfectio auszuführen, dass ich erst durch das Läuten der Glocken wieder aus der Trance gerissen wurde und ich mich sputen musste, noch rechtzeitig den Kirchgang tun zu können. Als ich vor sieben Jahren mit dieser höchsten Schule der Schwertkunst begann, hätte ich nicht zu träumen gewagt, dass ich gar solche Fortschritte erringen würde. Vor allem als mein alter Lehrmeister am Tag der Auferstehung vor drei Jahren zu unserem Herrn und GOTt gerufen wurde. Eilig gab ich meinem Pferde die Sporen und ritt zum Feldlager zurück, um mir den Schweiß vom Leibe zu waschen und den edlen Rock anzulegen.
Auf dem Weg zum Dome erspähte ich am Platz einiges zwielichtige Gesindel, das eine junge und hübsche Maid und ihre Amme durch loses Mundwerk belästigte. Sofort schritt ich ein – zu beschützen die Schwachen und Wehrlosen – und ohrfeigte das Pack von dannen. Die Maid bedankte sich herzlich und machte mir schöne Augen, doch ich blieb standhaft, wie es mich der arme Heinrich gelehrt hatte und entgegnete nur, dass dies eine Selbstverständlichkeit für mich sei. Ach, das lüsterne und sündige Weibsvolk denkt doch nur an das eine.
Die Predigt des Pfarrers hingegen war wieder einmal eine spirituelle Erleuchtung, und als er im Anschluss an die Messe sein Wort gegen die ungläubigen Osmanen erhob, musste ich sogleich einwerfen, dass in der Compania jederzeit neue Knechte und Mägde aufgenommen würden, um unser stolzes Kärntnerland zu verteidigen.
Bis zur Mittagsstunde war ich mit der Organisation des Nachschubs beschäftigt – die unzuverlässigen Bauern aus Projern sind mit ihren Lieferungen an Nahrung schon wieder im Rückstand – gerade in diesen Notzeiten scheinen sie nur auf ihren Vorteil bedacht zu sein. Aus diesem Grunde habe ich Provost Wittowec mit zwei Knechten losgeschickt, um denen Beine zu machen.
Nach einer kargen Vesper, mehr möchte ich mir zur Mittagszeit nicht gönnen, da heißes Essen die Sinne verdirbt und zur todsündigen Völlerei führt – sollen sich doch die Ungläubigen ihre feisten Bäuche vollschlagen – ein guter Christ fastet und stärkt so Körper und Geist.
Beim Umritt durch die umliegenden Dörfer zur Inspectio der Verteidigungsvorbereitungen musste ich feststellen, dass es mit der Moral der Dörfler nicht zum Besten steht und so mancher nicht den entsprechenden Ehrgeiz für harte Arbeit an den Tag legt: In Lind musste ich doch tatsächlich einen Knecht und eine Magd erspähen, die sich am hellichten Tage hinter einer Wehrmauer ihrer sündigen Wolllust hingaben und unkeusche Werke vollzogen. Mit der Gerte bläute ich ihr derart die Lenden, dass sie die nächsten Tage ihre Schenkel sicher nicht mehr spreizen können würde; ihn trieb ich zu seinem Herrn und verlangte, dass er die Nacht betend im Glockenturm verbringe möge und am morgigen Tage zu Schanzarbeiten im Lager abgestellt werden würde – Schanzmeister Tübein wird ihn schon Mores lehren.
Bei Sonnenuntergang kehrte ich ins Feldlager zurück und musste erkennen, dass während meiner Abwesenheit die Zügel allzu lasch geführt wurden: Mein guter Provost Wittowec kam volltrunken von seiner Mission zurück – er hatte sich von den Bauern mit billigem Fusel, den er mit den anderen Knechten nach seiner Rückkehr vertilgte, abspeisen lassen, anstatt Brot und Speck mitzubringen – so langsam beschleicht mich das Gefühl, dass irgendjemand schlechten Einfluss auf ihn ausübt, da nun schon zum wiederholten Male Zwischenfälle im Zusammenhang mit starken Getränken vorkamen. Bei meiner anschließenden gestrengen Befragung gab Provost Wittowec an, dass er begründeten Verdacht (göttliche Eingabe meinte er) gehabt hätte, dass in einem der Fässchen eine unheilige Mixtur eines mächtigen türkischen Magiers wäre, die dem Behufe diene, dass alle, die davon tränken, vom wahren Glauben abfällen und Zwist und Hader unter den Menschen verteilten, um den Zusammenhalt und die Wehrhaftigkeit der Bevölkerung zu schmälern und so dem ungläubigen Feinde seine Raubzüge in unser tapferes Herzogtum zu erleichtern. Eine wenig glaubwürdige Geschichte – doch die Wege des Herrn sind unergründlich. Es wird schon seinen Grund gehabt haben, warum gerade meinem Provosten, und nicht mir, die göttliche Warnung geschickt wurde. Ein Jammer nur, dass er dann so unüberlegt handelte und beschloss gemeinsam mit meinen wackeren Knechten alle Fässchen auszutrinken, um die gesuchte Mixtur zu finden. Naja, von großer Klugheit gesegnet ist mein Provost ja nicht, und Pech hat er auch noch gehabt, dass sich die gesuchte Mixtur erst im letzten untersuchten Fässchen befand. Ich habe es sofort dem Großinquisitor schicken lassen, auf dass es von kundiger Macht untersucht werden möge. Ebenso verordnete ich frühe Nachtruhe, damit die Knechte ihren Rausch ausschlafen können und morgen mit besonderem Mute, eingedenk ihrer heutigen Leistungen bei der Vereitelung feindlicher Umtriebe, an den umfassenden Wehrübungen teilnehmen mögen.
Gelobt sei der Herr!
Tag des Hl. Markus im Brachmonat Anno Domini 1454, Vorbereitung zum Manöver
Endlich ist die Aussaat vorüber, die Bauern und Knechte, die wir in den letzten Wochen regelmäßig im Formationskampf ausgebildet hatten, haben ihre frühjährliche Arbeit beendet und das lange geplante Großmanöver „Heimatwehr 1454“ kann morgen stattfinden. Mit dem Grafen habe ich vereinbart, dass seine Ritter, gerecht auf beide Seiten aufgeteilt, an der Übungsschlacht teilnehmen werden, um den gemeinen Kämpfer moralisch zu unterstützen.
Es wird einen Kärntner Abwehrkampf geben: etwa 300 Hirten und Knechte vom südlichen Zollfeld werden die Türken mimen und in Reiterkavalkaden, ähnlich den cheveauchées König Eduards III. von England, das Zollfeld angreifen, das von 550 Fußknechten (den Soldknechten sowie Bauern und Knechten vom nördlichen Zollfeld) verteidigt wird. Mein ungarischer Kamerad aus alten Tagen, Peter Hunyadi, seine Vorfahren kämpften bei den Kumanen König Ladislaus’ mit König Rudolf gegen den böhmischen Königs Přemysl Ottokar bei Dürnkrut, wird unsere „Türken“ befehligen, weil er mit ihrem Reiterkampf sehr vertraut ist. Das Oberkommando über die Verteidigung hingegen obliegt mir. Ich habe mir in den letzten Tagen einen erfolgverheißenden Schlachtplan überlegt, mit dem wir den „Feind“ ausmanövrieren und anschließend mit geballter Macht zerschmettern können. Da meine Fußknechte den berittenen Bogenschützen an Geschwindigkeit und Beweglichkeit weit unterlegen sind, werden wir uns nicht in der Ebene dem Feind zur offenen Feldschlacht stellen, sondern nur die befestigten Gutshöfe verteidigen und ihn dann in die Hügel bei Karnburg locken, wo ein Hinterhalt vorbereitet ist. Die Fratn ist nur von zwei Seiten zugänglich, unten in der Ebene und oben am Hügel, wo wir die Geflüchteten und deren Hab und Gut untergebracht haben. Das obige Ende wird mit Barrikaden versperrt, an den Flanken werden Armbrustschützen zwischen den Bäumen positioniert und die „Türken“ werden, sobald sie in der Falle sitzen, von zwei Karrees Langspießern – wie die Eidgenossen sie haben – eines von oben, eines von unten, in die Zange genommen und im Nahkampf zerrieben werden.
Sollte sich der Feind nicht locken lassen, wird ein Karree, unter meinem Kommando – das wird sie sicher zu einem Angriff verleiten, in die Ebene hinausstoßen und dort als Köder dienen. Langsam soll es sich, wobei die Formation dicht geschlossen bleiben muss, zu den Wäldern zurücktreiben lassen und dann eine Scheinflucht auf den Hügel antreten. Die verfolgenden „Türken“ werden dann von den versteckten Armbrustschützen beschossen und hangabwärts vom obigen Karree, das mein Feldwaibel Gamaret kommandieren wird, angegriffen werden. Die restlichen Soldknechte fungieren als Unterführer in den Formationen bzw. der Armbrustschützen. Mit dieser Taktik sollten wir den Sieg gewiss erlangen können!
Zur Schonung der Streitkräfte wurden von den Langspießen die Eisenspitzen entfernt, die Pfeil- und Bolzenspitzen wurden mit Stoff umwickelt und die Ritter kämpfen mit Übungswaffen. Die Masse der Streiter verfügt nur über ihre übliche dicke Lederkleidung und einige Gambesons, doch das wird ausreichen – sie haben ja auch nicht mehr – um die Zahl der Verletzten gering zu halten. Unser Feldscher, der alte Kurpfuscher, freut sich schon auf die Arbeit, aber komischerweise scheint sich auch Mardachs, der Totengräber, dieses Wiesel, irgendwie auf das Manöver zu freuen, er schlich schon die letzten Tage mit einem hinterhältigen, versteckten Grinsen durch die Gegend … Am Abend nach der „Schlacht“ wird es einen Festgottesdienst im Dom und eine gemeinsame Siegesfeier im Lager der Soldknechte bei Maria Saal geben.
Ich freue mich schon, dem Herzog von unserem Sieg berichten zu dürfen und zu konstatieren, dass Kärnten fürderhin gegen Türkeneinfälle gewappnet sein wird! Ja, Kärnten, die eherne Wehr im Süden des Reiches, Bollwerk gegen die Ungläubigen, Carantania, die Unbezwingbare!
Wie sagte Vegetius so treffend: Völker sind im Räderwerk langwieriger Fehden zermahlen oder auf dem Amboss einer einzigen furchtbaren Schlacht zermalmt worden, und was gewesen ist, wird immer wieder sein; das lehrt der ewige Kreislauf der Historie.
Wir sind bereit, keinen Feind fürchten wir und auf immerdar wir das Kärntner Volk bestehen bleiben!
Gelobt sei der Herr!
COMMENTS
There aren't any comments yet.

LEAVE A REPLY
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.